Mein wahres Sein 

Er, den ich in meinem Namen eingesperrt habe, weint in seinem Kerker. Eifrig bin ich damit beschäftigt, weiter Stein auf Stein zu setzen; und während diese Mauer Tag für Tag in den Himmel wächst, verliere ich in ihrem dunklen Schatten den Blick auf mein wahres Sein.

Ich bin stolz auf diese hohe Mauer, Verputze sie mit Staub und Lehm, damit kein noch so kleines Loch in diesem Namen übrig bleibt. Und über all die Mühe verliere ich den Blick auf mein wahres Sein.

Tagore Gitanjali, Gebete, Lieder und Gedichte 

Opfer-Spiel

​Durch die vielen Jahre der Abhängigkeit und Ohnmacht in unserer Kindheit erzeugten wir in uns das Bewusstsein eines Opfers. Es ist von Unbewusstheit, Selbst-Verurteilung und der Verurteilung anderer geprägt. Überprüfe, wo du noch dieses ‚Opfer-Spiel‘ spielst und entscheide dich, bewusster Schöpfer und Gestalter deines Lebens zu sein

Robert Betz, Mein Gedanke für den Tag vom 26.8.2016

www.robert-betz.de/MeinGedankeFuerDenTag

​Das »Ich« weglassen

Er dachte, das Wesentliche sei, arm und enthaltsam zu leben. Es war ihm nie klar geworden, wie entscheidend wichtig es war, sein Ego aufzugeben. Denn das Ego wächst und gedeiht, ob man nun der Heiligkeit dient oder Frau Welt, nährt sich von Armut und von Reichtum, von Enthaltsamkeit und Luxus. Es gibt nichts, das das Ego nicht ergreift, um sich aufzubauen. 

Schüler: »Ich bin zu Euch gekommen mit nichts in den Händen.«

Meister: »Dann lass es sofort fallen.«

Schüler: »Aber wie kann ich es fallen lassen? Es ist nichts.«

Meister: »Dann musst du es eben mit dir herumtragen!«

Du kannst dein Nichts zu einem Besitz machen und deinen Verzicht wie eine Trophäe herumzeigen. Deinen Besitz brauchst du nicht aufzugeben. Gib dein Ego auf! 

Anthony de Mello, Wo das Glück zu finden ist

Freiheit 

Sie haben die Frauen und die Welt gemeistert, wenn Ihre Freiheit nicht länger eingeschränkt wird – weder durch den Wunsch, auszuweichen, noch durch den Wunsch, etwas Bestimmtes zu erreichen.

David Deida, Der Weg des wahren Mannes 

Gebet des älter werdenden Menschen

Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

Teresa von Avila (1515 – 1582)

Der Astronom

Im Schatten des Tempels sahen mein Freund und ich einen einsamen Blinden sitzen. »Sieh«, sagte mein Freund, »der weiseste Mann unseres Landes.«
Ich verließ meinen Freund, näherte mich dem Blinden, begrüßte ihn, und wir kamen in ein Gespräch.

Nach einer Weile sagte ich: »Vergib meine Frage, aber seit wann bist du blind?«

»Seit meiner Geburt«, antwortete er.

Ich fragte: »Welchem Pfad der Weisheit folgst du?«

Er sagte: »Ich bin Astronom.«

Dann wies er mit der Hand auf seine Brust und sagte: »Ich beobachte all diese Sonnen, Monde und Sterne.«

Khalil Gibran, Der Narr 

Zuneigung auf die Probe gestellt 

Eine arabische Prinzessin hatte es sich in den Kopf gesetzt, einen ihrer Sklaven zu heiraten. Der König konnte tun oder sagen, was er wollte, nichts konnte das Mädchen von ihrem Entschluß abbringen. Und auch die königlichen Ratgeber wußten keinen Rat.

Schließlich erschien am Hof ein alter Weiser. Als er von des Königs Dilemma hörte, sagte er: „Euer Majestät ist schlecht beraten, denn wenn Ihr dem Mädchen verbietet zu heiraten, wird sie es Euch nachtragen und sich nur noch mehr zu dem Sklaven hingezogen fühlen.“ „Dann sagt mir, was ich tun soll“, rief der König.

Der Weise machte einen Vorschlag. Der König war skeptisch, beschloß aber, einen Versuch zu machen. Er ließ die junge Frau zu sich kommen und sagte: „Ich werde deine Liebe zu diesem Mann auf die Probe stellen: dreißig Tage und Nächte wirst du mit deinem Liebsten in einer winzigen Zelle eingeschlossen werden. Wenn du ihn danach immer noch heiraten willst, werde ich einwilligen.“ 

Die Prinzessin war außer sich vor Freude, umarmte ihren Vater und willigte begeistert ein, sich dieser Probe zu unterziehen. Ein paar Tage ging alles gut, aber nur zu bald breitete sich Langeweile aus. Nach einer Woche begann sie sich nach anderer Gesellschaft zu sehnen, und alles, was ihr Liebster tat oder sagte, trieb sie zur Verzweiflung. Nach zwei Wochen hatte sie den Mann so satt, daß sie anfing zu schreien und mit den Fäusten an die Zellentür zu hämmern. Als sie schließlich herausgelassen wurde, umarmte sie ihren Vater stürmisch voller Dankbarkeit, daß er sie vor dem Mann gerettet hatte, den sie nun verabscheute.

Getrennt leben erleichtert das Zusammenleben, ohne Distanz – keine Beziehung.

Anthony de Mello, Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Eins werden

Wenn du dich mir stetig näherst und dies mit ganzer Hingabe tust, bis du eins wirst mit meiner Liebe, dann bin ich das Ohr, mit dem du hörst, das Auge, mit dem du siehst, die Hand, mit der du greifst, und der Fuß, mit dem du gehst.

Sufi Mystik 

Grenzen

Das Wachstum eines Mannes wird immer dann gefördert, wenn er ein wenig über seine Grenzen, seine Fähigkeiten und seine Ängste hinausgeht. Er sollte nicht zu bequem sein und selbstzufrieden in der Sicherheit seiner Komfortzone stagnieren. Er sollte sich aber auch nicht zu weit über seine Grenzen hinauswagen und sich unnötig anstrengen, unfähig, seine Erfahrungen zu verarbeiten. Er sollte sich lediglich immer ein wenig über die Grenzen seiner Angst und seines Unbehagens vorwagen. Immer. Bei allem, was er tut.

David Deida, Der Weg des wahren Mannes 

​Zwei Hühnerzüchter

Es waren einmal zwei Hühnerzüchter. Der eine ging morgens in den Hühnerstall und sammelte den Hühnerkot in seinen Korb und brachte ihn nach Hause. Schon bald stank es so sehr darin, dass alle aus seiner Hütte flüchteten. 

Der andere Züchter sammelte in seinem Korb die Eier, backte Pfannkuchen für seine Familie und verkaufte den Rest der Eier auf dem Markt.

Viele Menschen neigen dazu, den Kot der Hühner und nicht die Eier zu sammeln.

Die Bedeutung dieses Gleichnisses ist: Wenn ihr eure Vergangenheit anschaut – was sammelt ihr? Sammelt ihr alle negativen Erfahrungen und grämt euch darüber? Dann sammelt ihr lediglich den Hühnerkot. Oder sammelt ihr die Eier und erinnert euch an die schönen, erfolgreichen und glücklichen Zeiten? 

Ajahn Brahm